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Keine Weihnachtsgeschichte

09.12.2015

Der Sog der Luft war so stark, dass er die Menschen mitriss. Hinein ins Feuer. Andere konnten dem Inferno - genannt: Operation Gomorrha - entkommen, stolperten bei der Flucht über verkohlte Leichen.

So auch mein Vater, damals noch Kind. Er, mit seiner Mutter, wurde später zusammen mit anderen ins 'luftsichere' Bayern gebracht: Kinder-Landverschickung. Manchmal zischten aber auch dort den todesgeängstigten Kindern Gewehrkugeln um die Ohren, wenn angeheiterte Soldaten in der Abenddämmerung Zielübungen mit den inländischen Flüchtlingen machten. Bei Kriegsende konnten die Verschickten wieder zurück nach Hamburg

Meine Mutter, ebenfalls noch Kind, erlebte die Bombardierungen in einem anderen Hamburger Stadtteil. Sie brachten manche Nacht im grossen Bunker zu, um am Morgen zu schauen, welche Häuser ihrer Strasse noch standen, oder noch halb standen. Als der Bunker dann den Volltreffer bekam, waren meine Mutter und ihre Mutter glücklicherweise nicht da drin. Der leibliche Vater meiner Mutter hatte als Lehrer wohl das eine oder andere gegen das NS-Regime geäussert, was er besser für sich behalten hätte: So wurde er kurzerhand militärisch nach Russland beordert, ohne Rückkehr.

Anfangs der 60er-Jahre zogen meine Eltern zusammen mit mir, ihrem Ersten, in die Schweiz - nicht als Flüchtlinge, aber als solche, die genug hatten davon, mit gesunden Händen aber ohne Perspektive und Zukunft leben zu müssen. Die Schweiz war zu jener Zeit ein Eldorado für Arbeitskräfte. Die erste Schweizer Wohnung meiner Eltern war damals voll bezugsbereit - "mit angemeldetem und eingeschaltetem Telefon", wie mein Vater einst anerkennend bemerkte. Das wäre in einem schon damals ausserordentlich bürokratischen Deutschland völlig undenkbar gewesen.

Ich selber kannte den Krieg nicht, wenn man von den Geschichten, Fotos, Besichtigungen, Erzählungen und Überlieferungen absieht. Trotzdem ist man als 'Kriegs-Enkel' bleibend traumatisiert. Man durchlebt in vielen Nächten in Gedanken Bombardemente, Angriffsfronten, Feuerstürme.

Die Schweiz war für uns eine Insel, auf der man vor Verfolgern sicher war. Hier 'hing man nicht mehr in seinen Kleidern'. Hier konnte man Teil sein und sich einbringen. Es war ein ausgewogenes Geben und Nehmen. Natürlich: Als Ausländer war man für viele Schweizer auch 'Tschingg', 'Nigger' 'Jud', 'Zigüüner' oder 'Nazi' - obwohl ich immer wieder beteuerte, mit Jahrgang 1963 könne ich ja gar kein Nazi sein, sondern allenfalls 'Deutscher', also 'Ausländer'. Argumentieren half nichts - die Klischees waren nun mal da und man hatte sich ihnen zu stellen. Das ist in anderen Ländern gewiss auch nicht anders.

Soweit ich mich erinnere, war unser Geschichtsunterricht angehäuft mit Schlachtgetümmel; nicht weniges davon betraf auch Bruderkriege. Natürlich hat uns alle die Heldentat eines Winkelrieds beeindruckt. Doch mein stiller Favorit ist der Ausgang des ersten Kappeler-Krieges, der ja mit der versöhnenden 'Milchsuppe' friedlich endete. Damals waren Zürcher und Zuger sich noch Ausländer. Möglicherweise war diese Milchsuppe ja ein Vorläufer des Käsefondues?

Die Schweiz war schliesslich wohl eine Ansammlung von Menschen, die sich zusammengerauft hatten. Die Bewohner der Schweiz besassen zwar verschiedene Wurzeln, wollten aber ein Volk sein. Die Schweiz hat sich als Willensnation formiert - etwas, was den ultrarechten Kern-Eidgenossen zwar ein Dorn im Auge ist - aber letztlich eine Errungenschaft bedeutet, welche die Schweiz unter den Völkern beinahe einzigartig stellt.

So sind aufgrund von Kriegen und Verfolgung immer Menschen in die Schweiz gekommen und manche auch geblieben. Diese Insel bot seinen Bewohnern meist Schutz. Doch heute? Was ist aus dieser Insel geworden? Es ärgert mich, wenn ich mit ansehen muss, wie in zunehmendem Masse Regierung, Wirtschaft und Parteien das eigene Schweizer Volk für dumm verkaufen und dumm halten, es hinterlistig und schamlos ausnutzen und ausnehmen, dafür besorgt sind, dass die Schweiz mit jedem Tag einen Schritt näher zu einem Entwicklungsland rückgebaut wird. Kalt kalkuliert und mit voller diktatorischer Absicht. Ich bin betrübt, wie sehr diese Insel leidet an Kompetenzverweigerung, Gleichgültigkeit und Täterschutz. Es ängstigt mich, wenn ich erleben muss, dass das gewöhnliche Volk systematisch entrechtet und misshandelt wird - und keiner hilft. Es nervt mit anzusehen, wie Parteipolitik, Filz und Betrug ein Land - die 'Insel' - ruinieren; und kaum jemand schreit auf. Es erschüttert mich, erleben zu müssen, dass der Zusammenhalt der Bevölkerung mit Keilen auseinadergetrieben wird - was mich an Stasi-Methoden erinnert. Es macht traurig zu sehen, wie der Glanz der 'Insel' verblasst, Gleichgültigkeit und Niedergang sich durch die einst hehre Substanz fressen. Doch wahrscheinlich bin ich einfach nur 'überassimiliert'.

Schneller als in jedem Krieg können auch bedeutende Teile der schweizerischen Bevölkerung zu Flüchtlingen werden. Zu Flüchtlingen, die vielleicht nicht mal mehr ihre Teddybären, Puppen oder Meerschweinchen mitnehmen können. Zu Flüchtlingen, die sich im Ausland - oder in der Ostschweiz - rechtfertigen müssen, dass das doch alles nicht ihre Schuld sei, dass sie doch nichts damit zu tun hätten - dass sie eben nur Flüchtlinge wären, die um ihr Leben gerannt seien. Hoffen wir also, dass einige der maroden Schweizer Kernreaktoren  wirklich das halten, was uns die Lobby verspricht.

Resümiere ich die verschiedenen Bedrohungen, scheint mir, dass die Schweiz nicht wenig von innen heraus rostet, dank ihren eigenen hochtrabenden Führern, aber auch wegen einer Sattheit, die zur Trägheit führt. Ich bin dagegen, dass man subversive oder gewaltbereite Elemente ins Land aufnimmt, von denen man nicht weiss, ob sie einen Dolch im Gewand tragen. Doch: Wie will man filtern, ohne totalitäre Massnahmen anzuwenden? Damals im Krieg, an der Grenze, war es wesentlich einfacher, echte Flüchtlinge zu erkennen. Ich habe keinen Lösungsvorschlag, aber als Quasi-Flüchtling in zweiter Generation mache ich mir Gedanken: Es gibt sicher auch heute noch echte Flüchtlinge. Und vielleicht bin ich selber schon morgen (wieder) einer, den man zu "Flüchtlingen und anderes Pack" hinzurechnet.

 

 
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